Von: Paola Fonseca, GAIL LATAM Co-Vorsitzende

27 Juli 2024

GAIL Lateinamerika bietet diesen Überblick über wichtige Entwicklungen und Chancen in der gesamten Region.

Die dynamische Regulierungslandschaft Lateinamerikas bietet einzigartige Chancen und Herausforderungen im Bereich des Impact Law. Der sozioökonomische und ökologische Kontext der Region bietet einen fruchtbaren Boden für bahnbrechende Praktiken, die eine nachhaltige Entwicklung vorantreiben können. Hier sind die wichtigsten Erkenntnisse:

1. Unterbrechung der Erzählung: Einführung der obligatorischen Selbstregulierung (MSR)

Die obligatorische Selbstregulierung (MSR) bietet einen transformativen Ansatz zur Unternehmensverantwortung angesichts der zunehmenden globalen Nachhaltigkeitsherausforderungen. Durch die Nutzung bestehender obligatorischer Compliance-Modelle fördert die MSR verantwortungsvolle Investitionen und lenkt diese Investitionen in Bedarfsbereiche entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Dieser Ansatz ist insbesondere für Lateinamerika relevant, wo Vorschriften häufig kontextuell angepasst werden müssen, um störende Auswirkungen auf Unternehmen zu vermeiden.

2. Grüne Taxonomien: Eine wachsende Priorität

Lateinamerika macht Fortschritte bei der Entwicklung grüner Taxonomien, die für die Steuerung nachhaltiger Finanzen von entscheidender Bedeutung sind. Länder wie Kolumbien, Mexiko und Chile stehen an vorderster Front bei der Definition dessen, was als grün oder nachhaltig gilt, um bessere Investitionsentscheidungen und die Ausrichtung an globalen Standards zu ermöglichen. Diese Taxonomien ziehen internationales Kapital an, das auf Nachhaltigkeit ausgerichtet ist, und unterstützen regionale Entwicklungsziele.

3. Auswirkungen der IFRS-Nachhaltigkeitsstandards

Die International Financial Reporting Standards (IFRS) Sustainability Disclosure Standards, darunter IFRS S1 und S2, werden die Region voraussichtlich stark beeinflussen. Diese Standards zielen darauf ab, die Transparenz und Vergleichbarkeit der Nachhaltigkeitsberichterstattung zu verbessern. Lateinamerikanische Unternehmen werden sich anpassen müssen, was erhebliche Anstrengungen zum Kapazitätsaufbau erfordert, insbesondere für KMU, die die Wirtschaft der Region dominieren.

4. Regulatorische Herausforderungen in Lateinamerika

In der Region bestehen weiterhin mehrere regulatorische Herausforderungen, darunter:

  • Fragmentierte Regulierungslandschaft: Unterschiedliche regulatorische Rahmenbedingungen in den einzelnen Ländern machen es für regional tätige Unternehmen kompliziert.
  • Kapazitätsengpässe: Vielen Regulierungsbehörden und Unternehmen fehlen die notwendigen Ressourcen und das Fachwissen, um neue Vorschriften umzusetzen und einzuhalten.
  • Informellen Wirtschaft: Ein erheblicher Teil der Wirtschaft wird informell betrieben, was die Durchsetzung und Einhaltung gesetzlicher Vorschriften vor Herausforderungen stellt.

5. Die Bedeutung kontextualisierter Regelungen

Damit Vorschriften wirksam sind, müssen sie an die lokalen Gegebenheiten angepasst werden. Die Entwaldungsverordnung der Europäischen Union und die Initiative „Grüner Pass“ sind Beispiele für die Notwendigkeit kontextbezogener Vorschriften. Diese Vorschriften sind zwar gut gemeint, können jedoch lateinamerikanische Sektoren wie die Landwirtschaft und die Textilindustrie belasten, wenn sie nicht an die lokalen Gegebenheiten angepasst werden.

  • Auswirkungen der EU-Regelung zur Abholzung von Wäldern: Die neue EU-Verordnung zur Abholzung von Wäldern wird voraussichtlich erhebliche Auswirkungen auf die brasilianische Landwirtschaft haben, da sie strenge Anforderungen an die Lieferketten stellt und möglicherweise den Handel gefährden kann, wenn die lokalen Gegebenheiten nicht berücksichtigt werden.
  • Auswirkungen des Grünen Passes auf peruanische Textilien: In ähnlicher Weise könnten die Nachhaltigkeitsanforderungen des Grünen Passes Auswirkungen auf die peruanische Textilindustrie haben, die stark von Exporten in die EU abhängig ist.

6. KMU: Schlüsselakteure im systemischen Wandel

KMU sind in Lateinamerika von entscheidender Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung und den sozialen Fortschritt. Sie machen über 90 % der Unternehmen aus, beschäftigen zwischen 60 % und 70 % der Arbeitnehmer und tragen erheblich zum BIP bei. Die Unterstützung von KMU bei der Einhaltung globaler Nachhaltigkeitsstandards ist für ein integratives Wachstum von entscheidender Bedeutung.

7. Förderung der sozialen und wirtschaftlichen Integration

Bemühungen, den sozialen Zusammenhalt, die wirtschaftliche Integration und die Regierungsführung für Migranten, insbesondere nicaraguanische Einwanderer in Costa Rica, zu verbessern, unterstreichen das Engagement der Region für eine inklusive Entwicklung. Initiativen zur Regularisierung von Rechtsverfahren, zur Verbesserung der wirtschaftlichen Integration und zur Gewährleistung der sozialen Inklusion sind für Migrantenbevölkerungen von entscheidender Bedeutung, wobei der Schwerpunkt auf Frauen und Jugendlichen liegt.

8. Rechtliche Unterstützung für sozialen Fortschritt

Anwaltskanzleien spielen eine zentrale Rolle bei der Unterstützung von Initiativen, die sozialen Fortschritt ermöglichen. Ihr Engagement für die Förderung von Ethik, Transparenz und von Frauen geführten Initiativen trägt maßgeblich zum positiven Wandel in der Region bei.

9. Anwaltskanzleien und Unternehmensjuristen: Umgang mit regulatorischen Komplexitäten und Ermöglichung einer guten Unternehmensführung

Anwaltskanzleien unterstützen globale Klienten dabei, sich in der komplexen Regulierungslandschaft zurechtzufinden und eine gute Unternehmensführung durch mehrere Schlüsselaktivitäten zu ermöglichen:

  • Einhaltung Gesetzlicher Vorschriften: Anwaltskanzleien stellen sicher, dass ihre Klienten die vielfältigen und sich entwickelnden Vorschriften einhalten, darunter IFRS-Nachhaltigkeitsstandards und grüne Taxonomien. Sie bieten Beratung bei der Anpassung von Geschäftspraktiken an gesetzliche Anforderungen und erhöhen so Transparenz und Rechenschaftspflicht.
  • Risikomanagement: Sie identifizieren und mindern die mit der Nichteinhaltung von Vorschriften verbundenen Risiken und unterstützen ihre Kunden bei der Entwicklung robuster Rahmenbedingungen für das Risikomanagement, um sicherzustellen, dass die Unternehmen auf regulatorische Änderungen vorbereitet sind.
  • Strategische Beratung: Anwaltskanzleien bieten strategische Beratung zur Integration von Nachhaltigkeit in den Geschäftsbetrieb und helfen ihren Kunden, sich an globalen Best Practices und lokalen Gegebenheiten auszurichten. Dazu gehört auch die Beratung zu Governance-Strukturen, die Nachhaltigkeitsziele unterstützen.

Für Unternehmensjuristen ist die Zusammenarbeit mit Anwaltskanzleien von entscheidender Bedeutung, bringt aber auch einige Herausforderungen mit sich:

  • Erweiterte Verantwortlichkeiten: Unternehmensjuristen sind zunehmend dafür verantwortlich, die Einhaltung von Nachhaltigkeitsvorschriften zu überwachen und in die Unternehmensführung zu integrieren. Diese erweiterte Rolle erfordert ein tiefes Verständnis komplexer und sich entwickelnder Vorschriften.
  • Capacity Building: Unternehmensjuristen müssen sich Fachwissen zu neuen Regulierungsbereichen und Nachhaltigkeitsstandards aneignen, um die Einhaltung der Vorschriften wirksam zu verwalten und ihre Unternehmen zu beraten. Dies erfordert häufig kontinuierliches Lernen und Anpassung.
  • Ressourcenbeschränkungen: Viele unternehmensinterne Rechtsabteilungen sind mit begrenzten Ressourcen konfrontiert. Daher fällt es ihnen schwer, mit den Änderungen der Vorschriften Schritt zu halten und die Einhaltung der Vorschriften in allen Rechtsräumen sicherzustellen, in denen das Unternehmen tätig ist.
  • Ausgleichsprioritäten: Unternehmensjuristen müssen die Notwendigkeit der Einhaltung gesetzlicher Vorschriften mit anderen Geschäftsprioritäten in Einklang bringen und sicherstellen, dass Nachhaltigkeitsziele erreicht werden, ohne die betriebliche Effizienz zu beeinträchtigen.

Fazit

Lateinamerikas Weg hin zu einem nachhaltigen und wirkungsorientierten Recht ist von großen Fortschritten und anhaltenden Herausforderungen geprägt. Durch die Einführung einer obligatorischen Selbstregulierung, die Weiterentwicklung grüner Taxonomien, die Anpassung an IFRS-Nachhaltigkeitsstandards und die kontextbezogene Bewältigung regulatorischer Herausforderungen kann die Region ihr volles Potenzial ausschöpfen. KMU spielen bei dieser Transformation eine zentrale Rolle, da sie Innovation und integratives Wachstum vorantreiben. Juristen sind von entscheidender Bedeutung, um diese Bemühungen durch Interessenvertretung, Kapazitätsaufbau und strategische Beratung zu unterstützen. Gemeinsam können wir den Weg für eine nachhaltige und gerechte Zukunft in Lateinamerika ebnen.